Kunstlehrstuhl BBB

Ein Kunstvermittlungsprojekt an der Berufsschule Baden (2011-2015)

An der Berufsfachschule Baden (BBB) besteht seit Oktober 2011 ein Lehrstuhl für Kunst: Ein Projekt, das in der Schweiz bisher einzigartig ist. 

Kunst am Bau wird hier nicht als passive, materielle Setzung definiert, sondern als lebendiges, partizipatives Experiment. Während acht Jahren entsteht an der Berufsfachschule ein ergänzendes Bildungsangebot rund um Kunst, prozesshaft und mit offenem Ziel. Im Rahmen von Workshops, Gesprächen und Aktionen mit Kunstschaffenden werden Lernende und Lehrende eingeladen, einen veränderten Blick auf das Gewöhnliche zu wagen. Die Kunsterfahrung wird dabei zum transdisziplinären Forschen, das Positionen hinterfragt, Reibungen sucht und Räume öffnet für Experimente unterschiedlichster Art.

Kuratorische Leitung: 2011-15 Nadja Baldini, 2016-19 Sanja Lukanovic, www.kunstlehrstuhl-bbb.ch
 

Ansicht Armin-Meili Bau mit Blick auf Pavillon, Treppe und Mensa-Terasse, Photo: Lukas Wassmann

Baden + Arbeiten

Unter der kuratorischen Leitung der Kunsthistorikerin Nadja Baldini widmet sich der Kunstlehrstuhl dem Thema Arbeit. Er knüpft damit an den Ort der Berufsfachsschule Baden an, dem ehemaligen Fabrikareal der Firma Brown Boveri & Cie. (heute ABB), die ein wichtiges Kapitel Schweizerischer Arbeitsgeschichte verkörpert. Was hat den Arbeitsalltag früherer Generationen geprägt? Welchen Stellenwert messen wir unserer Arbeit heute bei? Wie verändert sich der Alltag wenn sich Arbeits- und Freizeit zunehmend vermischen? Was ist die Rolle der Kunst, in einer Zeit, in welcher das Kreative zu einer wichtigen Poduktivkraft der Wirtschaft geworden ist?

Der Kunstlehrstuhl führt diese Diskussion nicht primär auf theoretischer Ebene, sondern ermöglicht in erster Linie den direkten Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern. Dies geschieht durch vielfältige Interventionen im schulischen Alltag. Baden, Stadt der Arbeit und zugleich Kur- und Vergnügungsort, bildet die inspirierende Kulisse für diesen offenen Diskurs unter dem Titel „Baden + Arbeiten“.

Pavillon

Als temporären Sitz wählte der Kunstlehrstuhl das 1953 von Armin Meili entworfene Gemeinschaftshaus Martinsberg. Das Gebäude diente den Angestellten des damals grössten Schweizer Unternehmens BBC als Freizeitzentrum und Kantine. Der ehemals als Garderobe genutzte Raum wurde durch den Künstler Beat Huber neu gestaltet und zu einer offenen „Werkstatt“ umfunktioniert. In der „Garderobe“ – im Sinne eines „Changing Room“ – wurde während vier Jahren gestaltet, geprüft und experimentiert sowie die Aktivitäten des Kunstlehrstuhls sichtbar gemacht.

Christian Ratti: BBB erforscht ABB(C) – Industriekultur in Baden

April bis Juni 2012

Treppe beim Wohlfahrtshaus für BBC-Arbeiter im Belastungstest durch Lehrlinge, 1953, Photo: Historisches Archiv ABB Schweiz
Belastungstest, 2012 ,Re-enactment und Eröffnungsritual Kunstlehrstuhl BBB Christian Ratti, Photo: Ayse Yavas

Christian Ratti fokussierte in seinen Nachforschungen zum Thema Arbeit die Industriekultur. Im Zentrum seiner Erkundungen im Frühling 2012 stand die Firma ABB, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Berufsfachschule BBB befindet und mitverantwortlich ist für die Berufsbildung einer Vielzahl von Lehrlingen an der Schule. Mit einem breiten Programm an Vorträgen und Führungen hat der Künstler mit drei Polymechaniker-Berufsschulklassen die Geschichte dieses Unternehmens und des Industrieareals recherchiert und kritisch untersucht. Begleitet wurden Christian Rattis Recherchen von drei künstlerischen Aktionen: 1. Klagemauer, 2. Belastungstest und 3. Hierarchiewanderung.

Ehemaliges Wohlfahrtshaus mit Stützmauer, genannt "Klagemauer". Zettelaktion mit deponierten Wünschen, Photo: Ayse Yavas
Christian Ratti im Gespräch mit Norbert Lang, Industriehistoriker und Verfasser der Publikation „Geschichte der BBC – Wie Baden zur Elektropolis wurde“.
Christian Ratti im Gespräch mit Norbert Lang, Industriehistoriker und Verfasser der Publikation „Geschichte der BBC – Wie Baden zur Elektropolis wurde“.
"Sternenlager", entdeckt im Untergeschoss des Schulhauses Martinsberg während einer Führung mit Hauswart Peter Knopf, Photo: Ayse Yavas

Mai bis Juli 2012

Demonstrationsaktion in der Stadt Baden, Photo: Ayse Yavas

Im Projekt 56 Stunden tauchte das Künstlerduo Interpixel im Frühling 2012 mit Berufslernenden in die Geschichte der Arbeiterbewegung ein. Gemeinsam beleuchteten sie wichtige Errungenschaften, die zum Arbeitsfrieden in der Schweiz geführt haben: geregelte Arbeitszeiten, bezahlte Ferien und ein gesicherter Lohn.

Ausgehend von historischem Textmaterial setzten die Lernenden gewerkschaftliche Ansprüche in kondensierter Form um. Die Kunstschaffenden produzierten zusammen mit den Berufslernenden einheitlich gestaltete Demonstrationstafeln und machten dadurch den kollektiven Charakter früherer Arbeiterbewegungen sichtbar. Im Anschluss daran trugen die Schülerinnen und Schüler ihre Tafeln in einem simulierten Demonstrationszug durch die Stadt Baden.

 



 

Berufslernende BBB, 2012, Photo: Ayse Yavas

Eric Andersen: Druckwerk BBB

August 2012 bis März 2013

Druckwerk BBB, Eric Andersen, Photo: Lukas Wassmann

Im Herbst 2012 hat Eric Andersen im Kunstpavillon an der Berufsfachschule BBB eine temporäre Druckwerkstatt eingerichtet. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern entstanden dort einfache Druckerzeugnisse, die den manuellen Produktionsprozess neu belebten. Im dritten Lehrjahr ist eine interdisziplinäre Projektarbeit fester Bestandteil der Ausbildung an der Berufsmittelschule* Baden. Innerhalb dieses Unterrichtsmoduls hat der Kunstlehrstuhl in Kooperation mit Lehrpersonen Berufslernenden die Möglichkeit geboten, mit dem Künstler und Plakatgestalter Eric Andersen verschiedene Drucktechniken zu erproben und Aspekte der Grafikgeschichte kennenzulernen. Während eines halben Jahres wurde in der Druckwerkstatt das Thema „Kampf um gleiche Rechte“ aus der Perspektive des Protestplakates vielfältig beleuchtet. Ziel des Workshops war, sich gemeinsam in ein Thema zu vertiefen, verschiedene Denkansätze miteinander zu verknüpfen und plakative Antworten auf komplexe Fragen zu finden. Wie kann ein politisches Statement auf einen griffigen Slogan reduziert werden? Wie weit beeinflussen formale Elemente wie Typografie und Bildauswahl unsere Wahrnehmung? Können durch Sampling und Recycling Bildwelten konstruiert werden, die in der heutigen Gesellschaft wirksam sind? 

 



 

Gemeinsames Arbeiten in der Druckwerkstatt, Photo: Ayse Yavas
Präsentation der Projektarbeiten BM, Photo: Ayse Yavas

April bis Juli 2013

Videoinstallation private matter von Eva Paulitsch und Uta Weyrich, Photo: Lukas Wassmann

Im Frühling 2013 präsentierten die beiden Künstlerinnen Eva Paulitsch und Uta Weyrich im Kunstpavillon BBB ihre begehbare Video-Installation Private Matter, die sie in Zusammenarbeit mit dem Projektionisten Philipp Contag-Lada realisiert haben. Ausgehend von Handyfilmen von Schülerinnen und Schülern der Berufsfachschule BBB haben die Künstlerinnen einen stimmungsreichen Bildraum geschaffen, der die Alltagswelten der Jugendlichen in einem clipartigen Zusammenschnitt neu kontextualisierte.

Die auf dem Schulhof und in den Klassen gesammelten Handyfilme wurden zu einer tonlosen Videoinstallation verarbeitet und auf gestaffelt versetzte, von der Decke herunterhängende Tüllbahnen projiziert. Es waren durchwegs stereotype Settings und Selbstinszenierungen, die Eingang in die Loops von Eva Paulitsch und Uta Weyrich gefunden haben: Wellen in der Brandung, Grossstadtimpressionen, das Innere einer Shoppingmall, Selbstinszenierungen und Posen von Jugendlichen, sei es im Kraftraum, bei einer Castingshow vor der Kamera oder auch bei einem Konzert mit Schwenk der Kamera auf sich selbst. 

 

Von 2012 bis 2014 war das Künstlerinnenduo Teil des vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderten Projekts Handyfilme – künstlerische und ethnographische Zugänge zu Repräsentationen jugendlicher Alltagswelten in Zusammenarbeit mit dem Institut für Populäre Kulturen (IPK) der Universität Zürich, dem Institut für Gegenwartskunst (IFCAR) und dem Institut für Theorie der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Das auf zwei Jahre angelegte Projekt forschte auf transdisziplinäre Weise aus künstlerischer und wissenschaftlicher Perspektive.



 

Diskussionsrunde beteiligter Kooperationspartner (SNF Projekt "Handyfilme - künstlerische und ethnographische Zugänge zu Repräsentationen jugendlicher Alltagswelten“) im Pavillon, Photo: KLS 2013

San Keller: Hair Cut – Mental Cut 

Juni 2013 bis Februar 2014

San Keller bei der Arbeit, Photo: Denis Resic

Auf die Frage, was er tun würde, wenn er als Künstler scheiterte, antwortet San Keller: „Coiffeur“. Im Juni 2013 hat er an der Berufsfachschule BBB einen temporären Coiffeursalon eingerichtet und Schülerinnen und Schüler eingeladen, sich von ihm das Haar schneiden zu lassen. Das Frisurenschneiden war dabei weniger eine professionelle Handlung als vielmehr ein „Mental Cut“; ein Mittel die Berufslernenden in ein Gespräch über sein Verständnis von Kunst zu verwickeln. Dabei hat San Keller seine eigene Rolle als Künstler reflektiert und den Lernenden die Möglichkeit geboten, sich mit ihrer eigenen Berufstätigkeit auseinanderzusetzen. Die Gespräche, die während des Haareschneidens entstanden, wurden mit einem In-Ear-Mikrofon aufgezeichnet. Ausgehend von diesen Dialogen hat San Keller in Zusammenarbeit mit dem Autor Tim Zulauf anschliessend eine Audio-Lektion über Kunst erarbeitet. Diese ist auf der Intranet-Plattform der Berufsfachschule BBB hinterlegt und kann von den Lehrpersonen für den Unterricht genutzt werden.

Søren Berner: BIM-Baden in Musik

Januar 2014 bis März 2015

Sören Berner, unterwegs in der BBB, Photo: Lukas Wassmann

Der dänische Performance-Künstler Søren Berner interessiert sich für die Zukunftsfantasien von Lernenden. Um ihre Wünsche und Visionen zu erfahren, baute er im Frühling 2014 im Kunstlehrstuhl ein „Future Research System“. In dieser begehbaren Zukunftsmaschine stellte er Schülerinnen und Schüler Fragen, die er zusammen mit dem Soziologen Søren Jensen erarbeitet hatte. 

 

Aufbauend auf diese erste Befragung, richteten Søren Berner und der Musiker Balint Dobozi innerhalb der Schule ein temporäres Radiostudio ein. Darin haben sie während eines halben Jahres mit den Berufslernenden diskutiert, gerappt, gedichtet, vertont: kurz, Radio gemacht. Dabei standen die Arbeitswelten und Zukunftswünsche der Jugendlichen im Vordergrund. Die verschiedenen Klassen wurden eingeladen, typische Geräusche ihres Arbeitsplatzes aufzunehmen und diese den Künstlern per WhatsApp zuzustellen. Aus diesen digitalen Tondokumenten haben Søren Berner und Balint Dobozi Sounds produziert, die mit Texten und „Rhymes“ der Jugendlichen ergänzt und abgemischt wurden. Alle Songs können auf der Homepage des Kunstlehrstuhls abgerufen werden.

Im Radiostudio, Photo: Lukas Wassmann

Luc Mattenberger: Zeitlücke

März bis April 2015

Luc Mattenberger, „Zeitlücke“, Photo: Lukas Wassmann

Während vier Wochen war die Arbeit Zeitlücke des Genfer Künstlers Luc Mattenberger auf dem Schulareal Martinsberg präsent. Die generatorbetriebene Lampe wurde jeweils morgens und abends von einem Securitas ein- und wieder ausgeschaltet und sorgte in der ganzen Schule für kontroverse Reaktionen. Lange blieb unklar, was diese Lampe bezweckte und wer sie verantwortete. Die Spekulationen reichten vom schulinternen Studienprojekt bis hin zum Prototyp einer Energiesparlampe für die Stadt Baden. Diese Konfusion war gewollt und wurde bis zur offiziellen Finissage am 20. März 2015 aufrechterhalten. 

Luc Mattenbergers künstlerische Arbeiten sind ambivalent. Ihrer gewohnten Funktion entrückt, spiegeln seine Interventionen rund um den Motor unser gespaltenes Verhältnis zur Maschine wider: als Symbol des Fortschritts, als Ort der Macht, als Utopie und als grosser Energieverbraucher. Gleichzeitig sind es nie nur simple Skulpturen, aber auch keine Performances in gewohntem Sinn. Von den Objekten gehen laute Geräusche und starke Gerüche aus. So auch bei seiner Arbeit in Baden. Durch die begrenzte Laufzeit des Motors ist seiner Lampenskulptur zudem eine bestimmte Zeitlichkeit und Handlung eingeschrieben. Der Motor kann nur durch menschliches Einwirken zum Leben erweckt werden. Ist das Benzin einmal aufgebraucht, steht er sogleich wieder still. Das verleiht seiner Kunst eine existenzielle Dimension. Die Arbeit Zeitlücke erzeugt ein ungewöhnliches Bild, das sich vor unsere Alltagserfahrungen schiebt und in seiner Absurdität und Widersinnigkeit den Raum und die Zeit auf andere, überraschende Weise erlebbar macht.